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Altwerden

Der Weg in das Alter ist beschwerlich. Wo er hinführt, ist klar, wie lange er dauert ungewiss. Das Ende ist völlig offen und unbekannt. Aber: "Was hinter uns und was vor uns liegt, ist relativ unbedeutend, verglichen mit dem, was in uns liegt." (Oliver Wendell Holmes).

Dieser Artikel beschäftigt sich mit Ereignissen, Gedankengängen und Auseinandersetzungen mit mir selbst und mit Anderen im Prozess des Älterwerdens auf der Suche nach dem, was in uns ist. In loser Reihenfolge, ohne stringentes Konzept, vielleicht ein wenig chaotisch aber bunt wie das Leben, trage ich Gedanken, Gedichte, Texte und anders zusammen, was Mut machen und Anstöße geben soll, durch Auseinandersetzung  die Angst vor dem Altwerden zu lindern.

 

 

"Altwerden ist wie auf einen Berg steigen. Je höher man kommt, desto mehr Kräfte sind verbraucht, aber umso weiter sieht man."

Ingmar Bergmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 "Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden."

Kafka


 

"Alles, was geschieht und uns zustößt, hat einen Sinn. Doch es ist oft schwierig, ihn zu erkennen. Auch im Buch des Lebens hat jedes Blatt zwei Seiten. Die eine, obere, schreiben wir Menschen mit unseren Plänen, Wünschen und Hoffnungen. Aber die andere füllt die Vorsehung, und was sie anordnet, ist selten unser Ziel gewesen."

Orientalische Weisheit

 

Vorsehung? Soll das heißen Schicksal? Da fällt mir der Begriff "Zufall und Notwendigkeit" ein. Demokrit hat gesagt "Alles was im Weltall existiert, ist die Frucht von Zufall und Notwendigkeit", und Jacques Monod hat ein ganzes Buch darüber geschrieben. Ein zentraler Begriff dabei ist der des Schicksals und Camus hat den Begriff in seinem "Der Mythos von Sisyphos" reflektiert. Ein Buch, das mir in Krisenzeiten immer wieder Mut gibt, wenn ich mir Sisyphos (stellvertretend für das eigene Leben) als einen glücklichen Menschen vorstellen soll...

 

"Die Götter haben Sisyphos dazu verurteilt, unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder herunterrollte. Sie hatten mit einiger Berechtigung bedacht, dass es keine fürchterlichere Strafe gibt als eine unnütze und aussichtslose Arbeit. ... Ich sehe, wie dieser Mann schwerfälligen, aber gleichmäßigen Schrittes zu der Qual hinuntergeht, deren Ende er nicht kennt. Diese Stunde, die gleichsamm ein Aufatmen ist und ebenso zuverlässig wiederkehrt wie sein Unheil, ist die Stunde des Bewußtseins. In diesen Augenblicken, in denen er den Gipfel verlässt, ist er seinem Schicksal überlegen. Er ist stärker als sein Fels. ... Sisyphos kennt das ganze Ausmaß seiner unseligen Lage: über sie denkt er während des Abstiegs nach. Das Wissen, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet gleichzeitig seinen Sieg. ... Ich verlasse Sisyphos am Fuße des Berges! Seine Last findet man immer wieder. ... Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Albert Camus (1942)                                      

 

Was entnehme ich daraus für mich? Die Parallelen zu dem modernen Menschen in der stressigen Berufswelt oder dem älteren Menschen im Prozess des Altwerdens sind so offensichtlich, das bedarf keines weiteren Kommentars.

 

 

"Zur Entwicklung von Kindern gehört Wachstum. Zur Entwicklung von Alten gehört es, sparsam mit den Kräften umzugehen, um langsam und würdig das noch mögliche zu tun und Abschiednehmen zu lernen."

Ruth Cohn


 

 

 

 

"Wachsen im Alter ist beides: das kann ""Ich kann es noch"" üben und das Verwelken, das ""Ich kann es nicht mehr"" zu akzeptieren."

Ruth Cohn

 


Kürzlich habe ich ein Buch geschenkt bekommen: "Da geht noch was. Mit 65 in die Kurve" von Christine Westermann. Das Buch ist drei Jahre alt, die Dame zwei Tage älter als ich, also beschäftigen uns ähnliche Fragestellungen. Ich bin erst 40 Seiten gekommen, aber ein paar Gedanken seien hier geteilt.

"Wo will ich noch hin mit meinem Leben? Wo will das Leben noch mit mir hin? Zwei Fragen und keine Antworten. Nicht mal eine. Ich bin 65 und habe zum ersten mal im Leben das Gefühl, ich sollte ihm eine Richtung geben. Dabei gibt das Alter von ganz alleine eine grobe Peilung an. Mit Mitte sechzig ist das Ende in Sicht. Zielgerade. Dabei scheint es egal, ob diese Strecke nur zwei oder zwanzig Meter/Jahre lang ist. Zwanzig Jahre sind lang, wenn man sie mit Leben füllt, oder? ... Warum zögere ich dennoch zu glauben, dass die nächsten zwanzig Jehre genauso voll, bunt und interessant sein werden? Vielleicht weil es keine zwanzig mehr sein werden. Vielleicht nur zehn. Oder gar nur eines?"

Christine Westermann

Nun wollte ich eigentlich aufhören und mich leichteren Dingen zuwenden (wie z.B. das Beschreiben einer schönen Ausstellung oder einer Radtour), aber das Thema lässt mich nicht los. Da fiel mir ein Gedichtband von Karl Krolow in die Hand, der sehr schöne Altersgedichte geschrieben hat ("Im Diesseits verschwinden", Gedichte aus dem Nachlass)

Wie es sich weiterlebt

 

Jeden Tag erlebt man aufs neue,

wie es sich weiterlebt

und dass ich mich nicht nur freue,

denn irgend etwas begräbt

 

man täglich von seinem Leben,

das schon zu lange währt.

Etwas wird aufgezehrt

oder hat es umsonst gegeben:

 

Umsonst, um garnichts zu nennen,

weil es zu vieles ist,

von dem man inzwischen sich trennen

mußte. Man lebt für eine Frist,

 

die täglich abgelaufen

- so oder so - sein kann.

Man wird um sein Leben nicht raufen.

Man wartet. Und irgendwann

 

hat es mit ihm ein Ende,

wie man täglich besser weiß.

Man gerät darum nicht in Schweiß,

sieht auch nicht auf leere Hände.

Nichts als gewiß

 

Was ich alles verlerne -

man sieht es mir nicht gleich an.

Aber man sieht von ferne

oder nur dann und wann

 

daß ich noch weiter am Leben.

Doch komme ich nicht mehr zurecht

mit einfachem Antwort-Geben:

nur noch ein Nervengeflecht,

 

das allenfalls gelitten,

sonst eher ein Ärgernis. -

Man muss um sein Dasein bitten,

dessen Ende nichts als gewiß.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Die Rechtschreibung wurde vom Original übernommen)



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Kommentare: 3
  • #1

    Dagmar (Dienstag, 12 September 2017 19:36)

    Spannend finde ich dein Thema natürlich, bin ja selbst dabei.
    ich merke aber, dass ich nicht/noch nicht so einen philosophischen grundsätzlichen Zugang dazu habe. mir gehts eher praktisch, also das was Ruth Cohnen wahrscheinlich meint, mich stärker wahrnehmen in meinen Möglichkeiten und Veränderungen. hab ja auch mehr zeit und Muße dazu. und kann mich auch darauf einlassen, weil ich weniger funktionieren, also auch gegen Befindlichkeiten etwas tun muß, was eben dran ist.
    Und das find ich eben ziemlich individuell, wie ich es eben auch wahrnehme: wie geht es mir? was finde ich anstrengender? war ich nicht schon immer faul und unordentlich, durfte es aber nicht gelassen zugeben.... jetzt weiss ich und sag ich: ich lese lieber und sitze bei und mit meinen Tieren, gucke einfach so, freu mich abends schon aufs frühstück.
    und auf jeden fall hab ich langsam aufgehört, das zu bewerten. Erlebe noch manches von meiner Schlappheit und Unlust als noch nicht endgültig, denke ich werde wieder mehr schaffen - vielleicht aber auch nicht. und hier kommt das praktische ins spiel: die elektrische Pumpe für das gießen aus der Tonne statt der schweren großen Kannen, kleinere Kannen, aber die großen werden auch noch benutzt, je nachdem wie mir ist. die kleinen Aufkleber am Herd, damit ich die platten nicht verwechsle. sagen, das ist mir zuviel, das schaff ich nicht mehr. dazu stehen, dass mein garten ziemlich wild ist - und wohl auch so bleiben wird.
    und um jetzt auch mal mit einem (leicht veränderten) Zitat zu kommen: nicht wie alt man so wird, geworden ist, sondern wie man
    altert, ist mir wichtig.
    So weit erstmal.

  • #2

    Dagmar (Dienstag, 12 September 2017 19:38)

    und die Fotos von deiner Mama sind klasse und ausdrucksstark!!!!!!!

  • #3

    Christel (Donnerstag, 14 September 2017 09:14)

    @ Dagmar: Ich sehe da gar keinen großen Unterschied zwischen den Ansätzen. Lediglich der Weg beginnt an unterschiedlichen Stellen. Entscheidend ist doch, wie ich mit den Problemen umgehe, also die Lösungsstrategien, z.B. Zettel an Herdplatten.... Aber diese Strategien setzen doch ein Bewußtsein für das Problem voraus und da bin ich wieder am Anfang, wie gehe ich mit den Problem um, die mir das Älterwerden stellt. Ich finde es spannend, wie andere Menschen damit umgehen, sei es im Lernen oder im Erkennen "hach, die macht es auch so".. Die Wege sind natürlich individuell, jede hat so ihre speziellen Baustellen. Ärmel aufkrempeln! Anpacken! ;-)