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Klassentreffen

Warum sind Treffen mit Menschen aus vergangenen Zeiten - z.B. Klassentreffen nach 50 oder mehr Jahren - nach dem ersten fröhlichen "Hallo, wie schön dich zu sehen!" und "Was hast du so gemacht?" oft frustierend und langweilig? Es sollte doch spannend sein zu erfahren, was Menschen, mit denen man einen Teil des Lebensweges gemeinsam zurückgelegt hat, erlebten und wie sie sich entwickelt haben. Und genau darin besteht die Schwierigkeit, solche Treffen lassen eine Entwicklung der/des Anderen nicht zu. Wir haben jede unsere Erinnerungsidyllen, von denen wir nicht ablassen. Wir? Oder nur die Anderen? Ich werde in eine Schublade gepackt "Du warst doch die, die immer ... du hast doch immer... du bist die, die....". Ich zappele in einem Kästchen der Erinnerung einer Anderen! Ich möchte schreien "guck doch mal hin, ich bin doch eine Andere (geworden?)! Aber es wird nicht wahrgenommen. Unsere Erinnerungen sind nicht kompatibel. Die Erinnerungen sind wie Tätowierungen eingeätzt. Vielleicht ein wenig verblasst, aber ansonsten unverändert. Es bedürfte schmerzhafter Prozesse, diese Zeilen wieder zu entfernen. Und wenn die Phase des zustimmenden Teilens von Erinnerung - die gibt es ja auch - meistens an gemeinsame Bekannte (beliebt sind Lehrer ... weißt du noch der alte X, Y, Z) hinter uns liegt, dann kommt die Langeweile oder das nicht mehr dazugehören, besonders, wenn die Runde des Zeigens von Kinder- oder Enkel-Fotos einsetzt.

Wie sehr würde ich mir wünschen, dass sich die Menschen wieder mit Neugier begegnen könnten und ihre Erinnerungen in die zweite Reihe stellten, die Wahrnehmung schärften und bereit wären, den sich weiter entwickelt habenden Menschen zu sehen. Die eigene Erinnerungsidylle verlassen...

Wenn sich dann herausstellt, dass die Entwicklungsschienen in eine völlig andere Richtung weisen, ist immer noch Zeit, sich zu verabschieden.

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Kommentare: 5
  • #1

    Dagmar (Mittwoch, 15 November 2017 20:00)

    naja. außer, dass du das wieder mitreißend geschrieben hast, weißt du ja, dass meine persönliche Erfahrung eine völlig andere ist. und das mehrere Jahre hintereinander. Bei meiner ehemaligen Klasse gibt es genau das und zwar tatsächlich bei allen ehemaligen Mitschülerinnen, mit den ich auf unseren Wanderungen etc. bisher lange persönliche Gespräche hatte. Es gab - übrigens auch von mir - einfach ganz vorrangig das Interesse daran, was nun aus uns geworden ist. nach soviel Jahrzehnten. wobei die Ebenen von Jahr zu Jahr tiefer wurden. und das auf der Grundlage, dass die, die da waren, nie wirklich aus dem Staunen darüber heraus kamen, wieso wir alle uns so verbunden, so geschützt miteinander, emotional so nah fühlen. Eine immer wieder aufgedeckte Frage. Es gibt auch immer lange und intensive Runden mit Fragen an alle, zb "wie ist es bei jeder von uns mit Glauben und Religion?" (wir waren gemeinsam auf einer Klosterschule). dabei gab es eine Atmosphäre, in der ich auch schließlich von den Engeln und mir erzählt habe, ein völlig untypisches Verhalten. Natürlich spielt auch die Vergangenheit eine große Rolle, zum wiehernden Vergnügen, zur gemeinsamen Erinnerungssuche, aber auch oft zum Vergleich mit heute, und dem Gespräch darüber, wie sich Veränderungen erklären lassen. Kurz und gut: ich Treff meine alten Mitschülerinnen sehr gern, mittlerweile dreitägig. und komme immer beseelt zurück.

  • #2

    Christel (Freitag, 08 Dezember 2017 16:07)

    @ Dagmar
    Schön, dass Du so ganz andere Erfahrungen hast! Vielleicht liegt es daran, dass Ihr auf einer reinen Mädchenschule ward, da ist die Kommunikation ja doch eine andere, oder auch daran, dass es ein Gymnasium war und Ihr schon junge Erwachsene. Oder Ihr seid Frauen, die das von mir so schmerzlich Eingeforderte einfach "drauf haben"... ;-)

  • #3

    Monika (Samstag, 23 Dezember 2017 09:30)

    Danke dir liebe Christel für das Teilen deiner Gedanken und damit auch für die Anregung, darüber nachzudenken was empfinde ich bei bei der Konfrontation mit diesem Thema und deinen Gedanken und Erfahrungen. Was “piekst“ mich an? Viele Themen z. B. das Thema Dazugehörigkeit. Als Kinderlose Lesben haben wir in der Regel keine Enkelfotos zum Rumzeigen, aber Katzenfotos, worauf sind wir stolz, was haben wir erreicht, wo ist unsere Familie im Alter? Wo können wir uns geborgen fühlen, wenn der Aktionsradius geringer wird. Wie gehen wir mit der Angst vor Hilflosigkeit und Einsamkeit um ohne Familie? Das unterscheidet uns, nicht immer aber oft, von ehemaligen Klassenkammeraden, den Nichtlesben. Wir sind uns fremd geworden, unsere Lebensbedingungen sind andere, da bietet es sich doch auch an, bei solchen Gelegenheiten in eine gemeinsame Idylle zu fliehen um die Fremdheit zu überbrücken, die Vergangenheit, da war noch Gemeinsamkeit. Ich war ein einziges mal auf einem Klassentreffen, schon sehr lange her und fühlte mich sehr fremd, weggegangen aus einem kleinen Dorf, damals noch in Latzhose erschienen zu dem Klassentreffen, misstrauisch beäugt von Fleischereiverkäuferinnen in Dauerwelle und Sonntagskleid und mit 36 bereits das erste Enkelkind vorzeigend, ich war traurig und entsetzt, dass ich mit dieser Welt, deren Teil ich mal war, nichts mehr anfangen konnte. Vergangenheit, Verabschiedung, Zeit, Fremdheit, verschiedene Welten, wo ist meine “Idylle“? In einem Moment der Nähe? In einer Bewegung? einem Blick oder einer Melodie? So vergänglich wie das Leben und warum auch nicht. Wir leben mit der Zeit, wir dehnen sie manchmal, aber können sie nie festhalten.

  • #4

    Christel (Sonntag, 31 Dezember 2017 10:12)

    @Monika
    Ja genau diese Gedanken treiben mich um. Das hast du schön beschrieben. Wo ist die gemeinsame Idylle? Der Schmerz und gleichzeitig die Erleichterung über das Nichtdazugehören..., wenn Alleinsein befriedigender ist als Gemeinschaft, wenn Einsamkeit wieder (neue) Gemeinschaften suchen lässt, wenn das Älterwerden die gangbaren Wege überschaubarer macht, wenn das "das kann ich noch" zunehmend von dem "das kann ich nicht mehr" abgelöst wird, wenn die gemeinsame Idylle zu einer sehr stillen inneren Idylle wird, wenn die Ängste größer werden..., wenn wie heute (Silvester) rundherum gefeiert und gelärmt wird, wenn die Welt aus den Fugen gerät... wo ist da der Ort, der Heimat oder Geborgenheit gibt? Wenn die Kraft nicht mehr reicht um gegen den Strom zu schwimmen sich einfach treiben lassen? Nein, nicht mitschwimmen! Also doch Flucht in die innere ureigene Idylle??? Oder Kräfte bündeln und flussaufwärts schwimmen? Wahrscheinlich entscheidet die Tagesform! Mit einem weinenden und einem zwinkernden Auge wünsche ich ein gutes, gesundes, neues Jahr!

  • #5

    Monika (Sonntag, 31 Dezember 2017 12:38)

    Dir auch ein schönes Fest oder geruhsamen Abend. Lychen ist für heute Abend zu empfehlen: viele nette Frauen, gutes Essen und Tanzmusik. Im Moment nieselt es leider, aber ich hab einen schönen Blick von meinem Bungalow über den nebelverhangenen See mit einem einsamen Fischerboot, dass langsam weiter treibt und höre Musik. Schöne Zeit dir Monika